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24.09.2012

Schwieriger Billionenmarkt

Nie wurde so global eingekauft wie heute. Weil Unternehmen große Teile des Materialbedarfs in Schwellenländern decken, steigen dabei auch die Risiken.

 

> Zwei Drittel der deutschen Mittelständler kontrollieren Standards ihrer Lieferanten.

> Verstoß gegen ethische und ökologische Regeln kann zum Unternehmensrisiko werden.


Nachhaltigkeit steht auf der Agenda deutscher Unternehmen ganz oben - in der Theorie. Drei von vier Einkaufsverantwortlichen und Experten hatten laut einer Studie des Wirtschaftsinformationsdienstes D & B vorausgesagt dass dieses Thema für sie 2011 eine große Bedeutung haben werde. In der Rückschau 2012 konnte aber nicht einmal die Hälfte der Befragten konstatieren, dass nachhaltige Beschaffung für sie im Vorjahr in der Praxis tatsächlich von Bedeutung war. Und das, obwohl nie so viel global eingekauft wurde wie heute. Mit der Beschaffung außerhalb der entwickelten Industrieländer steigen die Risiken, weil viele Schwellenländer noch großen Nachholbedarf in Sachen Nachhaltigkeit haben.

Beschaffung ist ein Billionenmarkt. So kaufen allein die 7 500 Mitglieder des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) für 1,25 Billionen Euro pro Jahr ein. "Deutsche Firmen wollen zum Beispiel weitere Investitionen in China tätigen. Sie erwarten höhere Umsätze und Gewinne, auch unter dem Vorzeichen, dass der chinesische Wettbewerb deutlich zunimmt", sagt Sebastian Schröder, Leiter Service Recht & Compliance
beim BME. Auf der anderen Seite werden von vielen Unternehmen mittlerweile auch große Teile des Materialbedarfs in der Volksrepublik beschafft.

Kunden stellen gesellschaftliche Legitimität von Firmen in Frage.

Treiber der Entwicklung ist die Kostenersparnis bei vermeintlich gleicher Qualität. Einsparungen in Höhe von zehn bis 30 Prozent sind möglich. Doch der Preis dafür ist hoch - denn gekauft wird oft die sprichwörtliche Katze im Sack. Kommt bei Kontrollen heraus, dass die Lieferanten Kinderarbeit zulassen oder Schadstoffe verarbeiten, müssen deutsche Firmen für die Folgen geradestehen - bis hin zur Insolvenz.

Das Unterlassen von Kontrollmaßnahmen kann - so das Fazit der Studie "Nachhaltige Beschaffung" der Universität St. Gallen - die "gesellschaftliche Legitimität" des Unternehmens dann infrage stellen.

Das Risiko ist dabei umso höher, je weiter die jeweilige Beschaffungsregion von sozialen und ökologischen Mindestanforderungen entfernt ist. Immerhin führen zwar zwei Drittel der deutschen mittelständischen Unternehmen standardisierte Lieferantenbewertungen, regelmäßige Besuche und Audits bei ihren Lieferanten durch. Damit liegen sie aber gegenüber Großunternehmen und Konzernen noch deutlich zurück. Von dieser Gruppe kontrollieren mehr als 80 Prozent ihre Lieferanten systematisch. Dies hat eine Studie des Kerkhoff Competence Center of Supply Chain Management der Universität St. Gallen ergeben.

"Einmal im Jahr ein Lieferantenbesuch ist zu wenig," weiß Sebastian Schröder. Der BME-Rechtsexperte hat für mittelständische Unternehmen eine standardisierte Handlungsanweisung für nachhaltige Beschaffung entwickelt, die in das Lieferantenmanagement integriert werden kann. Rund 30 mittelständische Firmen machen davon Gebrauch - darunter Konzerne wie der Hausgerätehersteller Miele mit 15 000 Mitarbeitern, aber auch kleine und mittlere Unternehmen wie der Verpackungsspezialist Schütz mit 3 250 Beschäftigten oder Kunststofftechnik Jantsch mit 60 Mitarbeitern.

Während Großkonzerne bereits massiv Druck von außen durch Initiativen wie den Dow-Jones-Nachhaltigkeitsindex bekommen, ist nachhaltiger Einkauf im Mittelstand Chefsache. "Die Entscheidung, ob nachhaltig eingekauft wird oder nicht, hängt von der Persönlichkeit ab", so Schröder. Aber nicht nur: "Mittelständische Unternehmen werden nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn sie nachhaltige Qualität liefern - anders werden sie gegen billigere Produkte aus dem Ausland nicht punkten können", sagt Schröder abschließend.

"Der Kunde fragt ethische Standards bereits beim Einkauf nach. Wer darauf keine glaubwürdige Antwort gibt, kann seine Produkte nicht mehr absetzen", erklärt Einkaufsexperte Jens Hornstein, Partner bei Kerkhoff Consulting in Düsseldorf. "Der Markt diktiert neue Regeln."

Nachhaltigkeit hat also nicht nur eine ethische Dimension - sie wird zum Geschäftszweck. Bei Kerkhoff Consulting gelten daher seit 2010 neue Standards: "Wir haben die drei Einkaufskriterien Preis, Verfügbarkeit und Qualität systematisch um ökologische und soziale Fragestellungen in der Produktion erweitert. Wir überprüfen die Lieferanten vor Ort", sagt Jens Hornstein. Am Ende muss nachhaltiger Einkauf nicht teurer kommen: "Produziert der Lieferant effizient und spart dabei Energie, kann sich Nachhaltigkeit finanziell sogar auszahlen", so Hornstein. Zusätzlicher "Gewinn": Mitarbeiter in nachhaltig geführten Unternehmen sind motivierter und loyaler. Diebstähle gehen signifikant zurück.

Die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen Leitfaden für nachhaltige Beschaffung erstellt. Zu finden ist der Leitfaden im Internet unter www.kompass-nachhaltigkeit.de.


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