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28.04.2014

Umweltfreundliche Anlagen einkaufen

Energiesiegel für komplexe Prozessanlagen

Maschinen und Prozessanlagen sind in der Regel zu komplex, um sie in ihrer Gesamtheit als umweltfreundlich zu zertifizieren. Bei Komponenten wie etwa Antrieben oder Ventilatoren ist diese Prüfung deutlich einfacher. Der TÜV SÜD hat jetzt ein Prüfsiegel für die Energie- und Medieneffizienz von großen Anlagen entwickelt. Das wird allerdings nur vergeben, wenn die Vorgaben exakt eingehalten und dokumentiert werden.

 

Auf Mülltonnen, Kopierern und Katalysatoren klebt der blaue Engel, Kühlschränke und Waschmaschinen wetteifern um die Auszeichnung A+++. So können Verbraucher auf einen Blick sehen, wie energieeffizient und emissionsarm ein Produkt ist. Dank einheitlicher Kriterien lassen sich die Geräte so direkt und einfach vergleichen. Bei komplexen Maschinen und Produktionsanlagen ist eine Aussage über die Umweltverträglichkeit jedoch ungleich schwerer. Der Grund: „Produktionsanlagen sind nie identisch“, erklärt Dr. Stefan Heuß, Senior-Experte für Energieeffizienz bei der TÜV SÜD Industrie Service GmbH. Bisher wurden Umweltkriterien nur für einzelne Komponenten wie etwa Antriebe, Pumpen oder Ventilatoren definiert. In Zukunft soll die europäische Öko-Design-Richtlinie aber auf komplexe Maschinen wie zum Beispiel Werkzeugmaschinen oder Industrieöfen ausgeweitet werden, was neue Standards benötigt.

Gesetzlich geregelt sind beispielweise Grenzwerte für Emissionen und Abwasser. Wie viel Energie eine Maschine verbraucht, schreibt der Gesetzgeber nicht vor. „Das ist eher eine Kostenfrage“, erklärt Dirk Schäfer, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Kerkhoff Consulting. Bei den steigenden Energiepreisen schließen sich Umweltschutz und Kostensenkung nicht aus – ganz im Gegenteil. „Ein Umstieg von öl auf gas kann sich auch für bestehende Produktionsanlagen lohnen.“ Allerdings sollten so große Investitionen auch vor dem Hintergrund politischer Entwicklungen getätigt werden.

Unternehmen, die sich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben haben und deutlich über den gesetzlichen Vorgaben liegen wollen, sollten sich die Komponenten der Anlage genau anschauen. „Dazu gehört, dass man die Vorlieferanten prüft“, rät Schäfer. Anbieter, die beispielsweise keine Auskunft darüber geben, ob der Vorlieferant ausschließlich uranfreien Stahl eingekauft hat und ob nur ungiftige Werkstoffe verbaut sind, hält er für wenig seriös. Automatisch mitgeliefert werden lediglich technische Daten wie etwa Maße, Gewicht, Absaugleistung oder Drehmoment. „Daten zur Umweltverträglichkeit dagegen muss der Einkäufer oft erst anfragen“, so Schäfer. Das gilt im Übrigen auch für Gebrauchtmaschinen.

Klare Anforderungen im Pflichtenheft

Um sicherzugehen, dass potenzielle Lieferanten vergleichbare Angebote vorlegen, sollten wichtige Kriterien wie Energie- und Wasserverbrauch, Emissionen und Lebensdauer schon in der Ausschreibung auftauchen. „Anhand dieses Pflichtenhefts kann der Einkäufer später die Faktoren einfach in einer Tabelle vergleichen“, so Schäfer. Um diese Vorgaben korrekt zu formulieren, brauchen sie Unterstützung aus der jeweiligen Fachabteilung: Nur sie kann entscheiden, ob beispielsweise ein explosionsgeschützter Drehstrom-Asynchronmotor in Kombination mit Frequenzumrichtern die Energieeffizienz II2 oder II3 vorweisen muss.

Oft braucht man bestimmte Komponenten gar nicht oder sie sind zu groß dimensioniert. „Egal wie energieeffizient das betreffende Bauteil ist – wenn man beispielsweise eine Hydraulikpumpe im Teillastbereich bei schlechtem Wirkungsgrad betreibt, entstehen unnötige Kosten“, so Heuß. Wichtige Anforderungen enthält die Normenreihe ISO 14000. Dort sind Auditierungen, Umweltdeklarationen, Messverfahren bis hin zur Ökobilanz geregelt. In Branchen mit besonders hohem Energiebedarf sollte auf jeden Fall ein Energiemanagement nach ISO 50001 stattfinden. Das dient nicht nur dem Controlling innerhalb des Unternehmens – der Stromverbrauch ist auch eine wichtige Grundlage zur Berechnung der EEG-Umlage (erneuerbare-Energien-Gesetz). Ab einem Verbrauch von zehn Gigawattstunden pro Jahr ist das Zertifikat verpflichtend, um eine reduzierte EEG-Umlage beantragen zu können.

Energieintensive Anlagen optimieren

Ein Beispiel für energieintensive Unternehmen ist die Aluminiumherstellung. Der Einkauf eines neuen Schmelzofens ist eine anspruchsvolle Angelegenheit, denn große Thermoprozessanlagen laufen im Schnitt 25 bis 30 Jahre. Werkzeugmaschinen werden bereits nach circa zehn bis zwölf Jahren ausgetauscht, Robotikanlagen in der Automobilindustrie noch schneller. „Auch wenn die Lieferanten angeben, wie viele Kilowattstunden Strom oder Erdgas für eine Tonne Aluminiumschmelze erforderlich sind, ist der Vergleich schwierig“, betont Heuß. Zusätzlich müsse man untersuchen, welche Betriebsparameter als Grundlage für die Energie- und Ressourcenverbräuche unterstellt wurden.

Die Abwärme eines Ofens kann beispielsweise in einem Nebenprozess zum Vorheizen verwendet werden. „Durch den Einbau eines Wärmeaustausches verbessern sich die Effizienzwerte“, so Heuß. Der ganzheitliche Blick auf Prozesse und Dokumentationen ist für ihn wichtiger als der Fokus auf die Kilowattstunden einer einzelnen Maschine. Wenn ein Unternehmen beispielsweise bei bestimmten Produktionsschritten wie der Trocknung oder Reinigung auf die Verwendung von Druckluft verzichte oder diese optimiere, könne sich die Prozesssicherheit verbessern. Das Ergebnis: weniger Verbrauch, weniger Lärm und eine zuverlässige Produktion.

Ein Siegel zumindest gibt es nun, das sich mit komplexen Anlagen auseinandersetzt: Das Energy and Media Efficiency, Environmental Sustainability (EME) von TÜV Süd erhalten nur Maschinen und Anlagen, zu denen es konkrete Angaben und eine lückenlose Dokumentation gibt. Der Kriterienkatalog ist systematisch und strukturiert hinterlegt – von den Komponenten bis zur Systemebene. „Wenn eine Anlage von den Parametern abweicht, die für die Energie- und Medieneffizienz relevant sind, bekommt sie kein Zertifikat.“ Heuß plädiert dafür, Fertigungsplanung, Einkauf, Produktion, Maschinenservice, Versorgungstechnik, Gebäude und Instandhaltung zu koppeln. „Dann lässt sich ein Produktionsunternehmen wirklich energieeffizient und umweltverträglich betreiben.“

Autorin: Kirsten Seegmüller

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